Stille Tage in Clichy by Henry Miller

Stille Tage in Clichy by Henry Miller

Author:Henry Miller [Miller, Henry]
Language: deu
Format: epub
Published: 2013-07-26T22:00:00+00:00


Um die Wahrheit zu sagen, es war eine schöne, geordnete, wohlhabende, beschauliche Welt, jedermann war guter Laune, nachsichtig, gütig, duldsam. Dennoch lag über dem Ganzen ein Geruch von Fäulnis. Der Geruch der Stagnation.

Durch ihre heuchlerische Freundlichkeit hatten sich die Einwohner selbst das Rückgrat gebrochen.

Sie interessierten sich nur dafür, auf welcher Seite ihr Brot mit Butter bestrichen war. Selber konnten sie kein Brot backen, sie konnten nur die Butter draufstreichen.

Es ekelte mich an. Lieber in Paris wie eine Laus sterben, als in diesem fetten Land leben, dachte ich bei mir.

«Laß uns nach Hause fahren und uns einen ordentlichen Tripper holen!» sagte ich und weckte Carl damit aus seiner Lethargie.

«Was? Was redest du da?» stammelte er.

«Ja», sagte ich, «laß uns hier abhauen, mir stinkt's. Luxemburg ist wie Brooklyn, nur verführerischer und vergiftender. Gehen wir zurück nach Clichy und hauen wir auf die Pauke. Ich muß diesen faulen Geschmack aus dem Mund kriegen.»

Es war um Mitternacht, als wir in Paris ankamen. Wir eilten in die Zeitungsredaktion, wo unser guter Freund King die Rennberichte redigierte. Wir pumpten uns ein paar Francs von ihm und sausten los.

Ich war in der Stimmung, die nächstbeste Hure zu nehmen. Ich nehme sie mit Tripper und allem, dachte ich. Scheiße, eine Dosis Tripper ist doch wenigstens etwas. Diese Luxemburg-Mösen sind voller Buttermilch.

Carl war nicht so scharf darauf, noch einen Tripper zu beziehen. Sein Schwanz jucke schon, verriet er mir. Er versuchte verzweifelt, sich zu erinnern, wer ihm den angehängt haben könnte, wenn es wirklich ein Tripper war, wie er befürchtete.

«Wenn du schon einen hast, ist es ja nicht schlimm, wenn du noch einen kriegst», meinte ich vergnügt. «Schaff dir eine doppelte Dosis an und verbreite ihn im Ausland! Steck den ganzen Kontinent an! Lieber eine ordentliche Geschlechtskrankheit als so ein moribunder Friede und diese tödliche Stille. Jetzt weiß ich, was die Welt zivilisiert macht: Laster, Krankheit, Betrug, Verlogenheit und Wollust. Scheiße, die Franzosen sind ein großes Volk, auch wenn sie syphilitisch sind. Verlange nie wieder von mir, daß ich in ein neutrales Land fahre. Ich kann keine Kühe mehr sehen, weder menschliche noch richtige!»

Ich war so scharf, daß ich eine Nonne hätte vergewaltigen können.

In dieser Stimmung gingen wir in das kleine Tanzlokal, wo unsere Freundin, die Garderobiere, beschäftigt war. Es war erst kurz nach Mitternacht, und wir hatten genügend Moneten, um etwas aufzustellen. An der Bar saßen drei oder vier Huren und ein paar Betrunkene, natürlich Engländer. Homos höchstwahrscheinlich. "Wir tanzten ein bißchen, und dann fielen die Huren über uns her.

Es ist erstaunlich, was man in aller Öffentlichkeit in einer französischen Bar treiben kann. Für eine putain ist jeder, der Englisch spricht — ob männlich oder weiblich -, pervers. Ein französisches Mädchen verliert keineswegs ihre Würde, wenn sie für einen Ausländer eine Schau abzieht — ebensowenig wie ein Seehund kultiviert wird, wenn man ihm ein paar Kunststücke beibringt.

Adrienne, die Garderobiere, war auf einen Drink an die Bar gekommen. Sie saß mit gespreizten Beinen auf einem Hocker. Ich stand neben ihr, den Arm um eine ihrer kleinen Freundinnen gelegt. Plötzlich hatte ich meine Hand unter ihr Kleid geschoben.



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